Auszeichnung für Irland-Reisebericht

22.12.08

Bei der Verleihung des Preises „Autoren ohne Grenzen 2008″ auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse konnte sich die Verfasserin eines Irland-Reiseberichts durchsetzen.Die Autorin Nicole Quint überzeugte die Jury mit ihrer Geschichte „In den Himmel gefallen”, in der sie über ihren Aufenthalt auf einer Ziegenfarm nah Dublin berichtet. Unterhaltsam erzählt sie dabei von ihren Begegnungen mit verschrobenen Inselbewohnern, den typisch irischen Pub-Abenden, dem schlechten, aber abwechslungsreichen Wetter und zeichnet so ein gelungenes Portrait des Lebens auf der grünen Insel.

Das fanden auch die Juroren, die sich sowohl aus Vertretern des traveldiary.de Reiseliteratur-Verlags und der Deutschen Zentrale für Globetrotter e.V. als auch aus Nutzern der Webseiten www.autoren-ohne-grenzen.de und www.traveldiary.de zusammensetzten. Neben Zielen wie Indien, Mexiko, den Philippinen und Taiwan findet sich nun Quints Irland in der im Buchhandel erhältlichen Veröffentlichung „Die besten Reiseberichte”.

Leseprobe

Hier eine Leseprobe des Gewinnertextes von Nicole Quint:

„In Dublins fair city, where the girls are so pretty…”

Mein erster Blick nach der Ankunft in Irland fällt nicht auf Dublins hübsche Mädchen, sondern auf ein Pappschild, das meinen Namen trägt. Fast siebzig wird er wohl schon sein, der Mann, der am Ausgang der Ankunftshalle wartet und das Stück Pappe in die Richtung hält, aus der die ankommenden Fluggäste strömen. Als ich direkt vor ihm stehe, fallen mir zuerst seine riesigen Ohren auf, aus denen krause Haarbüschel wachsen. Ob der mich hören kann?

Irland-Reisebericht„Ha’ya” bellt er mir entgegen, was „How are you” heißen könnte. Vielleicht aber auch nicht, denn eine Antwort wartet er gar nicht erst ab. Schon dreht er sich um, und ich verstehe nur noch „Tom”, „Amy” und „Farm”. Wahrscheinlich heißt mein gesichtszerknitterter Abholer Tom und ist einer aus der Abteilung raue Schale weicher Kern, kombiniere ich; und wahrscheinlich wartet die Frau, auf deren Farm ich die nächsten Monate arbeiten werde, Amy mit Namen, eben dort auf mich – hoffe ich jedenfalls, stemme meinen 18 Kilo schweren Rucksack auf die Schultern und muss mich beeilen, um den Alten nicht im Gewühl des Dubliner Airports zu verlieren. Das fängt ja gut an. Hat nicht ein Ire „I’m a man you don’t meet every day” gesungen?

Jeden Tag muss ich solche Iren auch hoffentlich nicht treffen. Aber es hätte ja schlimmer kommen können. Besser ein eigenwilliger Abholer als gar keiner. Immerhin komme ich geradewegs aus Kalkutta, habe über elf Stunden Flug hinter mir und die Wehmut über das Ende einer langen Indienreise im Gepäck. Davon will Tom jedoch nicht viel wissen. Noch bevor ich mich neben ihn in seinen alten Wagen setzen und die Tür ganz schließen kann, startet er schon den Motor. Los geht’s. Noch nie zuvor bin ich in Irland gewesen, kenne nur ein paar alte Fotografien und Historienfilme. Jetzt fahren wir durch Dublin und ich staune über die Fassadentravestie dieser Stadt: Graue alte Steinmänner haben sich fürs Großstadtkabarett geschminkt. Der Regen – natürlich regnet es bei meiner Ankunft in Irland – wäscht den Häusern das Make-up leider auch nicht ab.

Meine eigene Wasserfestigkeit wird dagegen auf eine harte Probe gestellt werden. Dem indischen Monsun bin ich entgangen, seinem irischen 365-Tage-Bruder entkomme ich garantiert nicht. Als lese er meine Gedanken, knurrt Tom: „Wenn dir das Wetter hier nicht gefällt, warte fünf Minuten.” Das Wetter – da sind Iren und Engländer sich ausnahmsweise vollkommen einig – ist ein unerschöpfliches, immer wieder gern besprochenes Thema. Hat man jemals von Menschen in der Sahara gehört, die Stunden ihres Lebens damit vergeuden, über die Wolkenlosigkeit des Himmels und die allgemeine Trockenheit zu plaudern? Warum kommt der Mensch mit den Dschungelohren mir denn ausgerechnet jetzt mit dem Wetter? „Im letzten Jahr soll euer Sommer ja auf einen Dienstag gefallen sein”, zitiere ich mit sicherem Rhetorik-Griff aus der irischen Klischee- und Zitatenkiste. „Tod mit oder Tod ohne Tee?” Tom grinst. Es wird Monate dauern, bis ich weiß, was er damit meint.

Amy wartet tatsächlich auf der Farm auf uns. Sie ist ein alt gewordenes Hippie-Mädchen und ihre Ziegen riechen alle wie Meerschweinchen. Jede hat einen Namen und – das lerne ich schnell – auch eine ganz eigene Persönlichkeit. Wie kam sie im Land der Schafe auf die Idee, Ziegen zu züchten, will ich von Amy wissen. „Goats are sheep with brains.” So einfach ist das also. Von morgen an werde ich diese Schafe mit Hirn füttern, melken, ihren Stall ausmisten und ihre Intelligenz testen. Vor dem Einschlafen werfe ich noch einen letzten Blick auf den kleinen, hölzernen Ganesh. Den Elefantengott habe ich mir zum Abschied aus Indien gekauft und hier vor ein Bild des Heiligen Finbarr gestellt – sie werden sich vertragen müssen, die Zeiten der Religionskriege sind vorbei auf der Insel.

Ich lebe hier völlig anders als in den letzen Monaten in Indien und doch ticke ich nach wenigen Tagen schon im irischen Farm-Rhythmus. Melken, füttern, ausmisten, Eier klauen, umgraben, einpflanzen, jäten, mähen, melken, füttern, ins Bett fallen und hoffen, dass George, der Gockel des Hühnerharems, nicht schon wieder um vier Uhr zu krähen beginnt. Den Sari und die Churida habe ich in die hinterste Ecke des Schrankes gelegt. Latzhosen, Regenjacken und Wellingtons stehen mir aber auch sehr gut. Außer Amy, den Ziegen, Hühnern und ein paar Katzen ist aber auch niemand da, um das Gegenteil zu behaupten. Die nächsten Nachbarn, Patsy und Sean, leben rund vier Kilometer entfernt. Ab und zu kommen sie am Nachmittag auf eine Tasse Tee vorbei. Die Abgeschiedenheit in der sie leben, macht Patsy manchmal Angst. Was, wenn Sean dringend einen Arzt benötigt? Das nächste Krankenhaus liegt rund zwei Stunden entfernt. Früher hat sie sich darüber keine großen Gedanken gemacht, schließlich gab es da ja noch den alten Landarzt. Jetzt hätten sie im Notfall die Wahl zwischen vier Veterinären und einem Zahnarzt. Ihr Mann sieht das gelassener: „Du hast die Kinder ohne Arzt zur Welt gebracht und noch jedes meiner Zipperlein mit deinen Hausmitteln geheilt. Wir brauchen hier keinen Arzt, wir sterben eines natürlichen Todes.”

Manchmal kommt auch noch der alte Tom vorbei, und wir fahren gemeinsam ins Dorf zum Pub.

Am Ortseingang liegen die Lokale, in denen irische Tradition zur Folklore für Touristen wird, neben der alten Kirche aber liegt Hagerty’s Pub. „Es gibt keine Fremden hier, nur Freunde, die sich noch nicht kennen” – so beschreiben die Iren gern ihre Gastfreundschaft. Wäre ich nicht in Begleitung von Amy und Tom – zwei Eingeborenen – hier erschienen, ich bin mir sehr sicher, dass Hagerty’s Gäste es vorgezogen hätten, unter sich zu bleiben. So aber sind sie an der Bekanntschaft mit der noch unbekannten Freundin interessiert und ich kann hier den Iren aus nächster Nähe beim Irischsein zuschauen. Alles in diesem Pub ist alt, der Barmann, das Inventar und auch die meisten Gäste. Wer hier trinkt, der will keine Veränderungen – nicht mehr jedenfalls, als Irland eh schon zu verkraften hat. Wie ihre Väter, Großväter und Urgroßväter stehen Männer in Dreierreihen an der Theke. Kehliges Keltisch klingt über den Tresen. Regenschirme stehen in der Garderobenecke Schmiere. Sie sind per Du mit den Kleiderhaken und zählen wie oft Michael, Liam und Aedan diese Woche schon ihre Mäntel hier aufgehängt haben und wie viel Geld sie ihrer Mary, Kathleen und Siobhán nicht nach Haus bringen, weil Guinness und Whiskey ihren melancholischen Seelen Heilung verspricht.

„Wer weder durch Butter noch Whiskey geheilt wird, hat keine Heilung zu erwarten.” Na denn, mit Butter versuchen wir es ein anderes Mal. Whiskey war ja tatsächlich lange als Medizin im Gebrauch. Uisce Beatha, „Lebenswasser” nannten es die frommen irischen Mönche. Doch dachten sie ursprünglich an eine rein äußerliche Anwendung dieses Heilmittels.

Wenn Whiskey das Wasser des Lebens ist, dann ist Guinness der Quell der irischen Weisheit. Um mich herum diskutieren die Kneipenphilosophen über den Drogenschmuggel vor Baltimores Küste, die vielen polnischen Arbeiter im Land und über das letzte Spiel des irischen Cricket-Teams…